DDR-Bücherstube Taubach

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Peter Franz

Rede zur Eröffnung der DDR-Bücherstube Taubach am 11. Mai 2006



Guten Tag, liebe Besucher unseres Häuschens und vielleicht auch künftige Leser dieser Bücherstube. Wir begrüßen besonders herzlich unseren Schriftsteller-Gast Wolfgang Held der anlässlich des „Tag des freien Buches“, der in der DDR eingeführt wurde und an die Bücherverbrennung der Nazis am 10. Mai 1933 erinnern soll, aus einem seiner Bücher lesen wird. Und damit bin ich schon bei dem Thema, das mir am Herzen liegt.


Schon als kleiner Knirps habe ich Bücher verschlungen, schon als Schuljunge habe ich die bescheidene Bibliothek in unserer Wohnung für meine Freunde und Schulkameraden zum Mitlesen geöffnet. Und irgendwie scheint sich das fortsetzen zu wollen. Meine liebe Frau und ich haben nämlich vor, diese geretteten Bücher den Bürgerinnen und Bürgern von Taubach zugänglich zu machen. Und damit das nicht ganz sang- und klanglos vor sich geht, haben wir den sehr bekannten und von uns geschätzten Autor Wolfgang Held aus der Kulturstadt Europas gebeten, uns etwas zur Einstimmung in dieses Vorhaben vorzulesen.


Um noch einmal kurz auf das Datum 10. Mai 1933 zurückzukommen. Damals haben Goebbels und Konsorten Bücher und Schriften von Juden und Kommunisten, die sie wie die Pest hassten, dem Feuer übergeben. Es hat also ein so genanntes Autodafé stattgefunden – ein Scheiterhaufen als irdischen Vorgeschmack auf das künftige Höllenfeuer –, etwa in Fortsetzung der kirchlichen Hexenverbrennungen im christlichen Abendland. Und es dauerte ja nicht lange, und nur sechs Jahre später begann eine ganze Welt zu brennen in jenem Weltenbrand, den wir den II. Weltkrieg nennen. Und da brannten schließlich auch die Juden, die Kommunisten, die Sinti und Roma und andere Menschengruppen, die von den Herren als Untermenschen eingestuft worden waren. Merke daher: „Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine: Almansor. Eine Tragödie. 1821). Heinrich Heines Bücher lagen oben auf dem Scheiterhaufen des Berliner Opernplatzes.


Die Bücher, die Sie hier sehen, wurden zwar nicht vor der Verbrennung, wohl aber vor der Vernichtung durch Verfaulen oder Zerschreddern gerettet. Nun könnte man sagen: das lässt sich nicht vergleichen. Und tatsächlich sind die Umstände und die Beweggründe für das Wegschleudern von Büchern auch sehr unterschiedlich. Natürlich wollte die Kreisbibliothek Apolda diese Bücher keineswegs vernichten, weil ihre Mitarbeiter plötzlich Bücherfeinde geworden wären. Nein, sie mussten nur aus der Villa ausziehen, die ein ehemaliger Eigentümer, der jetzt westlich der Werra lebt, sich einfach wiedergeholt hat. Und eine schwache Stadt- oder Kreisverwaltung sah sich 1991 nicht imstande, dieser Bibliothek ein anderes angemessenes Domizil zur Verfügung zu stellen. Was blieb ihnen anderes übrig, als die Bücher in Containern zur Müllkippe fahren zu lassen. Das habe ich damals gesehen, habe mit meinem brennenden Herzen eines Bücherfreundes eingegriffen und als Besitzer eines Kleintransporters mir diese etwa 4000 Bücher geholt mit der Absicht, sie vor der Vernichtung zu retten. Das war vor 15 Jahren. Vor einigen Wochen hörte ich, dass auch die Gemeinde Oßmannstedt sich von ihrer Gemeindebibliothek trennt und den Büchern dort auch der Weg in den Reißwolf droht. Und so stehen nun schon wieder einige Kisten voll mit wertvollem Geist da, um einsortiert und endlich Lesern ausgehändigt zu werden. Wo Bücher brennen, brennen bald auch Menschen, hieß der warnende Satz. Ich möchte ihn erweitern und sagen: Wo Büchern Vernichtung und Beseitigung droht, droht auch der menschlichen Kultur und allem menschlichen Zusammenleben Vernichtung und Beseitigung. Und dagegen möchten wir gern etwas tun. Wir möchten, dass die Anstrengungen des Herzens und des Geistes, die eine Schiftstellerfeder geführt haben, dem menschlichen Leben und der menschlichen Kultur dienen. Hier gibt es jede Menge Kinderbücher, aber auch so genannte Belletristik, also Romane, Reisebeschreibungen, Abenteuerliteratur, Krimis und Gedichtbände. Aber es gibt hier auch Fachliteratur zu allen Gebieten der Wissenschaft und Technik – natürlich in jenem bescheidenen Umfang dieser vier Wände dieses bescheidenen Stübchens. Aber wenn jemand etwas Bestimmtes sucht oder sich informieren will, oder wenn jemand einfach nur ein gutes Buch lesen oder als Schuljunge oder Schulmädchen sich ein spannendes Kinderbuch ausleihen will, der ist hier willkommen. Und zwar dachten wir zunächst an montags von 15 bis 18 Uhr – mal sehen, ob es Interessenten gibt. Und wenn niemand kommt, dann lese ich sie eben alle alleine, denn wenn ich hundert Jahre alt werde, habe ich dafür noch genau 35 Jahre Zeit. Und das ist doch eine ganze Menge, oder?


Ein schlauer Mensch der schreibenden Zunft – Georg Christoph Lichtenberg – hat einmal gefragt: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal ein Buch?“ Probieren wir es doch einfach wieder mal aus bzw. regen wir andere an, wieder einmal ein Buch in die Hand zu nehmen und die ewige Flimmerkiste mal ruhigzustellen.


Veröffentlicht unter der Überschrift „Bücher für ihre Leser erhalten“ in „Unsere neue Zeitung“ (UNZ 11/06)



letzte Änderung 31. Juli 2007
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